Meine Frau ist eine begabte Gastgeberin und begnadete Gerichtezauberin. Dass sich Besuch bei uns wohl und willkommen fühlt, ist vor allen Dingen ihr Verdienst. Ich bin eher nicht der Gastgebertyp. Aber auch ich kann aus Überzeugung sagen, Freunde zu Besuch zu haben, ist etwas sehr Schönes. Es gibt leckeres Essen, vielleicht ein gutes Glas Wein und dazu angeregte, auch mal tiefgründige Gespräche. Das macht auch mir viel Spass, denn mit Freunden hat man Gemeinsamkeiten, man hat sich gern, hat sich im Grunde aneinander gewöhnt, Ecken und Kanten inklusive. Und das ist doch etwas wirklich Schönes.
Besuch bringt – egal, ob von Freunden oder einfach Bekannten – immer auch Anstrengung mit sich. Ich will hier jetzt nicht herumlamentieren. Ich meine nicht irgendwelche Vorbereitungen, das Kochen oder das vorher und nachher Aufräumen etc. Besuch im Haus zu haben bedeutet, dass es etwas lauter, enger und im Sommer auch etwas wärmer im Haus ist. Je näher mir der Besuch steht, desto einfacher ist es für mich. Bei Freunden, die wie Familie für mich sind, bin ich entspannt und kann mich selbst sein. Schwieriger wird es da erst, wenn sich verschiedenste Stressfaktoren kumulieren. Aber egal ob Besuch von engen Freunden oder von Bekannten, wenn ich eine Pause brauche, gibt es oft nur einen Ort für mich, wohin ich mich zurückziehen kann.

Das stille Örtchen. Hier kann ich mich einschliessen, ganz für mich sein und einfach die Ruhe geniessen. Manchmal lese ich auch was oder mache kurze Recherchen zu einem Thema, das mich interessiert. Wie man sich vorstellen kann, hat sich das auch in die Länge gezogen. Natürlich musste ich mir auch schon Sprüche anhören. Ein-, zweimal bin ich auch schon 30 Minuten weg gewesen, habe ich mir jedenfalls so sagen lassen. Für mich hat sich die Zeit nicht so lange angefühlt. Deswegen habe ich vor einiger Zeit angefangen, bewusst auf die Uhr zu schauen und mir eine gewisse Zeit zu überlegen, bis wann ich ungefähr im Bad bleiben kann.
Seit beinahe einem halben Jahr haben wir nun einen Hund. Einen weissen Labradoodle. Da der ab und zu raus muss, nutze ich nun oft diese Gelegenheit, um kurz Pause zu machen. Kurz den Kopf auslüften und den Gedanken nachhängen. Das tut gut und ich kann mich kurz regenerieren. Ich nehme an, dass sich für viele nicht nachvollziehen lässt, wieso ich das brauche. Vor allem, wenn man gute Freunde zu Besuch hat. Ohne diese kleinen Pausen, werde ich schneller müde. Man kann es auch so sehen: Damit ich die Zeit mit guten Freunden voll geniessen kann, dafür auch fit genug bin, muss ich mich kurz zurückziehen.
Das stille Örtchen – der Rückzugsort zur Regenerierung. Das heisst auftanken, um dann wieder voll da sein zu können.




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Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einige mit den Schlagwörtern «Asperger» oder «Autismus» nicht umgehen können. Viele davon denken sofort an Savant wie Rain Man. «Aber du bist doch gar nicht so» heisst es dann etwa. Wieder andere sehen vielleicht nur eine „Behinderung“. Ihnen ist der Begriff eine willkommene Möglichkeit, alles Negative stark zu gewichten und das Positive nicht mehr sehen zu wollen. Freie Bahn leichtes Opfer zu sein und für Launen von anderen herhalten zu müssen. Je nach Ausprägung und Training kann das Asperger-Syndrom recht lange unerkannt bleiben und dann spielt sich das meiste im Innenleben ab. Ich merke bei mir einfach, je älter ich werde, je «komplizierter» oder «aufwändiger» mein Leben wird, desto weniger kann ich mich verstellen resp. mich anpassen. Ich bin verheiratet und Vater von vier Kindern. Ich habe nicht mehr dieselben Möglichkeiten, mich aus dem Geschehen rauszunehmen und mich wieder zu regenerieren wie früher. Reizüberflutungen machen mich heute viel schneller müde als früher. Von daher drängt der Asperger immer mehr an die Oberfläche.