Mein lieber Herr Gesangsverein, seien Sie mal nicht so negativ!

Gewillt die Unterschiede zwischen Aspies und neurotypischen Menschen aufzuzählen, verfallen die Aufzählenden auffallend häufig ins immer gleiche Schema: Negation statt Affirmation. Infolgedessen sind die Zuhörer – verständlicherweise – versucht, den Asperger als Störung, als Behinderung aufzufassen. Das sei Ferne! Natürlich behindert mich mein Asperger in meinem Leben, aber das tun langsam gehende Menschen auf dem Bahnsteig auch.

Ich will ja gar nicht schönreden oder verniedlichen, dass ich in meinem Alltag immer wieder mit Situationen zu kämpfen habe. Wie schnell führen schon Kleinigkeiten zu einem Overload. Ohne Rückzugsmöglichkeiten ist der Meltdown oder gar der Shutdown schon vorprogrammiert. Aber was will ich mich von solchen Situationen runterziehen lassen?! An Tagen, an denen ich schon unsicher, hypersensibel und dünnhäutig in den Tag starte, habe ich dem Kampf meistens schon beinahe verloren. Wieso dann noch negativ sein? Da ich mich nicht verbiegen kann, muss ich versuchen, mit dem klarzukommen, was ich bin.

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Es ist doch so: Ich bin, wer ich bin. Als Aspie verbringe ich sehr viel Zeit damit, mich anzupassen. Seit meiner Diagnose habe ich mich immer besser kennengelernt. Ich weiss heute besser, worauf ich wie reagiere. Ich erkenne viele Situationen schon bevor sie eintreffen und halte dann dagegen. Ich ziehe meine Sonnenbrille an, bevor mir die Sonne fast die Netzhaut abbrennt. Ich setze meine Kopfhörer auf bevor mir die vielen Stimmen um mich herum den Schädel platzen lassen. Grossen Menschenansammlungen gehe ich wenn immer möglich aus dem Weg. Es ist mir egal, wenn auffällt, dass ich anders bin. Menschen reden übereinander, das kann man nicht beeinflussen. Es sei hier festgehalten: Man kann es sowieso nie allen recht machen.

Heute bin ich eigentlich auch stolz darauf, zur Familie der Aspies zu gehören. Wir haben Schwächen, das haben neurotypische Menschen aber auch. Wir haben jedoch auch Stärken, wir können uns zum Beispiel optimal auf bestimmte Dinge fokussieren. In Themen, die uns interessieren, verbeissen wir uns richtiggehend. Wer einen Aspie richtig kennenlernt, lernt bald auch die positiven Seiten des Aspergers hinter den Kulissen kennen. Heute ist Welt-Autismustag. Wenn du noch nicht viel über Asperger oder Autismus allgemein weisst, nutze doch die Gelegenheit und lerne uns besser kennen. Mache doch auch einen Schritt auf uns zu.

Mein lieber Herr Gesangsverein, seien Sie mal nicht so negativ! Asperger sind nicht behindert und nicht gestört, wir sind einfach nur anders.

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