Wie schwer ist eigentlich Lärm?

Immer wieder – und das eigentlich sehr oft – kommt es vor, dass es mir zu laut wird. Dazu muss ich mich nicht in einem überfüllten Pub oder auf einem Markt befinden, es reicht schon ein Raum mit zwei oder drei Personen. Gut, seien wir ehrlich, manchmal kann auch eine Person schon zu laut sein. Aber das lasse ich jetzt einfach so stehen. Stellen Sie sich nun aber folgende Situation vor: Sie versuchen konzentriert zu arbeiten und hören dabei zwei andere Personen sprechen, eine weitere Person telefonieren, das Tippen auf einer Tastatur, den Autolärm durchs Fenster, das Spülen des Geschirrspülers und/oder der Kaffeemaschine, den Kollegen beim beherzten Biss in den saftigen Apfel, das ungebremste Schliessen einer Türe usw. Haben Sie die Situation vor Augen? Gut, und jetzt stellen Sie sich alles zusammen gleichzeitig und gleich laut vor. So erlebe ich solche Situationen. Ich habe keinen Filter für unnötige Geräusche. Erschwerend kommt dazu, dass ich eben alles gleich laut höre. Egal ob zwei Meter von mir entfernt jemand in einen Apfel beisst oder im gleichen Raum jemand telefoniert. Es ist beides direkt in meinem Kopf. Kommen dann weitere Geräusche hinzu, bedrängt mich der Lärm so stark, dass ich mitunter Platzangst kriege und es mir beinahe die Luft abschnürt. In solchen Situationen hilft mir nur, Distanz zum Lärm zu schaffen. Wenn ich mich nicht in einen ruhigen Raum zurückziehen kann, hilft nur der Gang zur Toilette. Dort ist es still.

KJNC6611

Bei einem Hörtest habe ich mal sehr schlecht abgeschnitten, weil ich nicht unterscheiden konnte, auf welcher Seite der Piepston wann zu piepsen begonnen hat. Ich konnte mich nämlich nicht auf den Piepston konzentrieren, weil mich das Rauschen meines Blutes irritiert hat. Ich musste einen weiteren, genaueren Hörtest machen lassen. Dafür bin ich in einem kleinen, schalldichten Raum gesessen (toll übrigens, sowas bräuchte man auch für Zuhause, mehr dazu aber in einem späteren Beitrag) und der Ohrenarzt hat von draussen mit einem Regler ein Ton in verschiedenen Tonlagen eingespielt. Bei diesem Test habe ich prima abgeschlossen. Danach wollte er testen, ab wann ich gesprochenen Text verstehe. Ich musste dann wiederholen, was er gesagt hatte. Und siehe da, auch hier habe ich problemlos bestanden. Fazit der Tests: Ich höre zwar gut, kann mich aber bei verschiedenen Geräuschen nicht auf ein bestimmtes Geräusch konzentrieren. Später, nach der mit Diagnose, gingen mir diesbezüglich Kronleuchter auf. Will ich in bestimmten Situationen mein Gegenüber verstehen, hilft nur noch Lippenlesen oder teilweise auch Interpretation (um nicht zu sagen erraten), wenn daneben z.B. jemand auch nur eine Frucht isst.

Wir können berechnen, mit welcher Kraft eine Kiste auf den Boden drückt. Aber können wir auch messen, wie schwer Lärm ist?

Schau mir in die Augen, Kleiner!

Autisten wird nachgesagt, dass sie Menschen nicht in die Augen sehen können. Das stimmt so nicht unbedingt abschliessend. Als Kind wurde mir sehr oft gesagt, dass ich mein Gegenüber anschauen soll. Also habe ich später gelernt, den Menschen so ins Gesicht zu blicken, dass es aussieht, also würde ich ihnen direkt in die Augen sehen. Interessanterweise fällt es mir bei einigen Menschen leichter, direkt in die Augen zu schauen, bei anderen eher nicht. Ich kann nicht mal sagen, was die Kriterien sind, um in die eine oder die andere Gruppe zu gehören. Da steckt keine Logik dahinter. Jedenfalls nicht eine, die sich mir bereits erschlossen hätte.

Meine Verfassung spielt hier eine grosse Rolle. Es gibt Zeiten, da kann ich nicht mal meinem Spiegelbild in die Augen sehen! Schwierig ist es auch morgens, wenn ich unterwegs zur Arbeit bin. Da will ich niemanden anschauen müssen. Ich nehme dann bewusst nur Beine und verschwommene Gestalten wahr. So kann es natürlich vorkommen, dass ich wortlos an jemandem vorbeiziehe, den ich eigentlich hätte kennen müssen. Es steckt keine böse Absicht dahinter. Gesichter ansehen kostet mich enorm viel Energie.

Wenn ich in einer Veranstaltung einen Stuhl aussuchen muss, wähle ich möglichst in der hintersten Reihe aus, mit Vorliebe in einer Ecke. «Das macht doch jeder so», werden einige sagen. Ich mache es vermutlich aber aus einem anderen Grund. Ich behalte gerne die Übersicht, was in einem Raum vor sich geht. Dazu muss ich mich natürlich umsehen. Würde ich das aber in einer der vorderen Reihen tun, müsste ich ja auch nach hinten schauen und würde so in zig Augenpaare blicken. Hinterköpfe sind einfacher als Augenpaare. Das ist der Grund, warum ich lieber hinten sitze.

shutterstock_111311000

Ich muss daran denken nachzufragen, andere interessiert’s wirklich :-) *

Dass ich eher sachbezogen statt personenbezogen denke,  merke ich immer wieder in verschiedensten Situationen. Ein Beispiel: Kommt ein Arbeitskollege nach dem Urlaub zurück, muss ich daran denken, nachzufragen, wie der Urlaub war. Ich bin nicht an Geplänkel interessiert, mit Smalltalk kann ich gar nichts anfangen. Wenn mich etwas nicht wirklich interessiert, komme ich selber nicht auf die Idee, aus Höflichkeit nachzufragen. Man könnte es so ausdrücken: Ich muss daran denken, nachzufragen und andere interessiert es wirklich.

Um beim Beispiel zu bleiben, könnte sich folgende Situation abspielen: Ein Arbeitskollege kommt nach seinem Strandurlaub an schönster Lokalität zurück zur Arbeit. Weil ich mir notiert habe, dass er an diesem Tag wieder zurückkommt,  frage ich – aus erlernter Höflichkeit – nach, wie der Urlaub war. Der Kollege beginnt nun von wunderschönen, endlosen Sandstränden, tiefblauem Wasser, beeindruckenden Tauchgängen usw. zu erzählen. Ich gebe mir Mühe, so auszusehen, als ob es mich interessieren würde und gebe kleine Rückfragen von mir, um das Scheininteresse zu wahren. In Tat und Wahrheit habe ich aber entdeckt, dass der Kollege neue Noise-cancelling-Kopfhörer um den Hals trägt; die, für die ich mich seit ein paar Tagen interessiere. Nun möchte ich eigentlich über diese Kopfhörer reden, möchte alles wissen, was mir der Kollege darüber sagen kann. Möchte technische Details erfahren und was er für Erfahrungen damit gemacht hat. Aber das geht in der Situation nicht, denn ich „muss“ mir Details über einen Strandurlaub anhören. Mal davon abgesehen, bin ich eher der Typ für Urlaub im Norden!

Ähnliches kann sich abspielen, wenn ich im Urlaub gewesen bin. Wenn mich ein Kollege fragt, ob ich einen schönen Urlaub hatte, kann es vorkommen, dass ich das mit einem simplen „Ja“ beantworte und mich wieder meiner Arbeit zuwende. Nicht immer denke ich daran, dass ich mittlerweile eigentlich gelernt habe, dass der Fragende so auch nach Details fragt. Also überlege ich mir zwei, drei möglichst aussagekräftige Sätze und wiederhole diese dann auch beim zweiten, dritten, vierten Fragenden. Ich nenne das Fokussierung aufs Wesentliche, meine Frau nennt das bequem. 🙂

Den Schein zu wahren, „normal“ zu wirken, ist oft sehr ermüdend. Vor allem, wenn um mich herum noch viele andere Leute laut miteinander sprechen, der Raum nach Knoblauch stinkt, die Sonne zum Fenster rein blendet und wenig Platz zur Verfügung steht. Ja, manchmal ist es unangenehm, anders zu sein als neurotypische Menschen (nicht vom Autismus betroffene).

Sachbezogen zu sein hat aber auch seine Vorteile. Ich kümmere mich nicht darum, was andere von mir denken. In vielen Situationen, in denen andere aus einer Art „Menschenfurcht“ anderes reagieren, als sie eigentlich möchten, gehe ich los und ziehe mein Ding durch. Es kommt mir meist gar nicht in den Sinn, dass man etwas auch anders sehen kann, als ich es sehe.

(Un-)angenehm anders sein, soll also die zwei Seiten von Asperger-Autismus andeuten. Ja, ich habe Asperger-Autismus, aber ich leide meist nicht unter Asperger-Autismus. Ich bin so, wie ich bin, an sich arbeiten sollte sowieso jede/r.

* meine Lektorin/Ehefrau meint, dass hier ein Smiley angebracht wäre.

(un-)angenehm anders

Ich funktioniere anders. Das habe ich schon bald einmal gemerkt. Schon als Teenager habe ich mir überlegt, dass es sinnvoll wäre, mich psychologisch abklären zu lassen. Es war nichts bestimmtes in meinem Hinterkopf, kein Verdacht, was mit mir anders ist. Ich merkte einfach, mein Gehirn arbeitet (un)angenehm anders.

Schon immer mochte ich mir bekannte Strukturen, Ordnungen, Muster. Hingegen war mir alles mir Unbekannte oder mir noch nicht Bekannte suspekt. Bevor ich mich einigermassen ruhig auf Neuland wagen konnte, musste ich erst unzählige Informationen einholen. Gab es im Vorfeld keine abrufbaren Informationen, machte sich ein nervöses, Bauchschmerzen auslösendes Gefühl breit.

Strukturen, Ordnungen und Muster haben mich immer fasziniert und oft schon fast zwanghaft in Schemata gedrängt. Als ich einmal als 13jähriger in meinem Aushilfsjob von meiner Chefin gerügt wurde, ich würde falsche Arbeitszeiten einschreiben und sie so um Geld – wenn auch wenig – betrügen, fiel ich aus allen Wolken. Ich war so darauf fixiert, regelmässig, immer dieselben Zeiten einschreiben zu wollen – notabene ohne immer zu den angegebenen Zeiten anwesend zu sein -, dass ich gar nicht bemerkte, dass ich so mehr Arbeitszeit aufschreiben und mehr Lohn verlangen würde als effektiv verdient. Auf Betrug wäre ich nie gekommen und das war ganz bestimmt auch nicht meine Absicht.

Immer wieder bin ich in unangenehme Situationen gestolpert. Meistens war ich dann so in Gedanken versunken, dass ich komplett ausgeschaltet habe, was um mich herum passiert. Und das auch nur, weil in solchen Situationen zu viel auf mich einprasselte. Lärm, Hitze, das Blenden der Sonne, Gerüche, das alles wurde mir oft, nebst meinen Gedankengängen, einfach zu viel. Dazu kommt noch, dass ich mir in Gedanken öfters selber ins Wort falle und praktisch permanent Musik in meinem Kopf spielt.

Im Frühling 2015 hat meine Schwiegermutter eine Sendung in einem Lokalsender gesehen und berichtete meiner Frau, dass eine Ehefrau in der Talk-Sendung ihren Mann so beschrieb, wie auch ich immer wieder mal auf andere Menschen wirke. Meine Frau schaute sich die Sendung ebenfalls an und leitete mir den Link zur Sendung weiter. Am nächsten Morgen, noch vor der Arbeit, sah auch ich mir den Talk an. Er dauerte nur ungefähr 20 Minuten. Mich traf beinahe der Schlag: Die Frau beschrieb Empfindungen und Auffassungen von ihrem Mann, die ich ganz genau kannte. Nur hatte ich bisher angenommen, dass ich der einzige bin, der so denkt und so empfindet. Es traf mich vollkommen unvorbereitet: Es gibt noch andere da draussen, die auch so sind wie ich. Mir liefen während der Autofahrt ins Büro die Tränen übers Gesicht (und das passiert mir so gut wie nie). Ich konnte meinen Gefühlsausbruch zwar nicht einordnen, aber irgendwie fühlte es sich gut an. Und so lernte ich es kennen: das Asperger-Syndrom.

Unzählige Webseiten, Filme, verschiedenste Bücher begann ich nun zu verschlingen. Ich konnte nicht genug kriegen von Menschen, die erzählten, wie auch ich die Welt wahrnehme, Empfindungen haben, die ich teilweise 1:1 auch so habe. Natürlich hatte ich bald verschiedene Tests auf einschlägigen Webseiten gemacht. Immer war das Resultat dasselbe: Ich bin Asperger-Autist. Es versteht sich von selbst, dass ich mich nicht allein auf solche Webseiten-Gratis-Tests verlassen konnte. Ich wollte es genau wissen. Also erkundigte ich mich, wo in der Nähe seriöse Abklärung möglich ist. Ich bekam einen ersten Termin in einer psychiatrisch-psychologischen Praxis und wurde dann für weitere Abklärungstermine einer Psychologin zugeteilt. Nach ein paar Monaten mit regelmässigen Terminen bei der Psychologin, erhielt ich die glasklare Diagnose: Asperger-Autismus.

Nun hat das Kind also einen Namen. Seither habe ich besser zu verstehen gelernt, wie ich funktioniere, kann besser reflektieren. Dies soll der Startschuss eines Blogs sein, in dem ich meine Erlebnisse und meine Eindrücke mitteile und erkläre. Dieser Blog dient dem besseren Verständnis von uns Asperger-Autisten. Ziel ist es aber auch, unbewusst Betroffenen Mut zu machen, sich zu informieren. Wir sind nicht abnormal, für uns ist die Welt nur (un-)angenehm anders*!

* Kleine Randbemerkung: Im nächsten Eintrag erkläre ich, wie ich auf diesen Blogtitel gekommen bin.