Angenehm anders

Vor einiger Zeit wurde uns in der Firma angeboten, einen Persönlichkeitstest durchführen zu lassen. Dies einerseits, um ein konkreteres Bild von sich zu erhalten und andererseits, um z.B. innere Spannungsfelder erkennen zu können. Ich war im Vorfeld schon mal skeptisch, hatte ich doch selbst schon unzählig viele solcher Test gemacht und im Rahmen meiner ASS-Abklärung* schon ziemlich viel über mich erfahren (jaja, ich weiss, ein wenig war es auch, weil ich nicht genau wusste, was da auf mich zukommt😊) . Vermutlich als letzter Mitarbeiter, habe ich mich dann doch noch durchgerungen, den Test machen zu lassen. Wie schon oft habe ich eine Vielzahl Fragen beantwortet. Jede Frage musste auf einer Skala von «trifft zu» bis «trifft überhaupt nicht zu» bewertet werden. Zudem musste man jede Bewertung mit «stört mich» bis «stört mich überhaupt nicht» beurteilen. Die zweite Beurteilung zeigt dann das innere Spannungsfeld auf. Stört mich zum Beispiel, dass ich nicht mit meinen Kollegen sprechen kann, weil mein Pflichtgefühl mich zwingt, eine Aufgabe erst fertigzustellen, ergibt sich eine Spannung zwischen einer konsequenten und einer freundlichen Seite. Wenn dann noch das Bedürfnis nach möglichst wenig Stress ein Störfaktor für die geschäftige Seite ist, ist das Spannungsfeld gespannt zwischen Konsequenz, Freundlichkeit, Geschäftigkeit und Gemütlichkeit. Soweit die Theorie.

IMG_0883

Bei mir sieht das allerdings anders aus, als es vielleicht «normal» ist. Ich bin absolut konsequent, bin ausgeglichen gemütlich und geschäftig und – man staune – überhaupt nicht freundlich. Wie das? Bin ich ein unfreundlicher Mensch? Davon gehe ich jetzt nicht aus. Ich kann sehr wohl freundlich sein. Weiter fällt auf, dass ich kein inneres Spannungsfeld habe. Bei mir ist das Spannungsfeld eine Spannungslinie. Zwischen «gemütlich» und «geschäftig» besteht eine Spannung, zwischen «konsequent» und «freundlich» allerdings gar nicht. Was heisst das jetzt?

Da ich bemüht bin, Stress möglichst zu vermeiden, ergibt sich daraus ein Konflikt mit meiner geschäftigen Seite. Denn würde ich mich jedes Mal blockieren lassen, wenn dann doch Stress entsteht, wäre ich nicht sehr effizient. Ich habe also verschiedene Mechanismen entwickelt, die mir helfen, solche Blockaden möglichst schnell zu durchbrechen. Ein solcher Mechanismus ist es zum Beispiel, wenn ich merke, dass ich gestresst bin und sich eine Blockade ankündigt, dass ich bewusst einen Schritt zurück mache. In dieser «Vogelperspektive» versuche ich das komplette Ganze zu betrachten und gehe für mich nochmals meine Pendenzenliste durch. Diese Liste ordne ich dann nochmals nach Prioritäten, was mir hilft, den Überblick und vor allen Dingen, die Ruhe zu bewahren.

Zwischen Konsequenz und Freundlichkeit hat sich keine Spannung abgezeichnet. Ich gehe mal stark davon aus, dass dies darauf zu führen ist, dass ich überall «stört mich nicht» angekreuzt habe. Da ich ein sachbezogener statt personenbezogener Mensch bin, stört es mich nicht, wenn alle Kaffee trinken, während ich eine Aufgabe beende. Bin ich in meine Arbeit vertieft, kann es vorkommen, dass ich einen halben Tag nichts zu einer anderen Person sage, die sich im selben Raum befindet. Ich habe einfach nicht das Bedürfnis mich zu unterhalten. Da aber keine Regel ohne Ausnahme ist, gibt es diese auch hier. Wird nämlich ein Thema angesprochen, wozu ich selbst eine Menge sagen kann, bin ich voll dabei. Ich will dann mein Wissen aber auch kundtun und «überrenne» damit auch schon mal jemanden, der eigentlich seine Geschichte erzählen wollte.

Ich persönlich empfinde meine konsequente, pflichtbewusste Art gesamtheitlich gesehen als ein Vorteil. Ich kann mich konzentriert und voll fokussiert hinter eine Aufgabe setzen und lasse mich durch nichts ablenken. Und da ich mich auch nicht darum kümmere, wie das bei anderen ankommt, habe ich einen weiteren Vorteil. Wie oft habe ich schon erlebt, dass jemand gehemmt oder gar blockiert war, weil er sich Sorgen gemacht hat, wie irgendwas bei den Anderen ankommt?! Ich kenne das eigentlich nicht. Denn wenn doch, dann nur, weil ich gelernt habe, dass ich mich in Situationen, in denen es darauf ankommt, dann eben doch anpassen muss.

Die Spannungslinie anstelle eines Spannungsfeldes stört mich also überhaupt nicht. Für mich ist in dieser Situation mein Anderssein angenehm.

* ASS: Autismus-Spektrums-Störung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s