Hörverstehen heisst Hören UND Verstehen!

Setzen wir voraus, dass Asperger-Autist nicht gleich Asperger-Autist ist. Somit gehe ich auch davon aus, dass nicht alle Asperger-Autisten davon betroffen sind, wovon ich heute schreibe. Immer wieder finde ich mich in solchen Situationen wieder. Und ich muss zugeben, die Situationen sind häufiger geworden. Ich weiss nicht genau, woran das liegt. Eventuell ist es die grössere Belastung – ich bin mehrfacher Vater -, die Stresssituationen in Job und Alltag, oder wo auch immer der Hund sonst begraben liegt.

Dass ich Mühe habe, mein Gegenüber zu verstehen, wenn andere Gespräche oder Geräusche mich ablenken, davon habe ich schon hier geschrieben. Das kennen die anderen Betroffenen auch, weil wir ja alles gleich laut hören und unnötige Geräusche nicht ausblenden können. Bei mir geht es aber noch etwas weiter. Es kann sogar vorkommen, dass ich mein Gegenüber nicht verstehe, auch wenn keine anderen Geräusche mich ablenken. Keine anderen Gespräche, keine laute Kaffeemaschine, nichts. Und trotzdem habe ich akustisch zwar verstanden, was mir gesagt wurde, die Worte geben aber in meinem Kopf keinen Sinn. Es kommt mir so vor, als hätte mein Verstand nicht auf Empfang gestellt. Die Worte dringen in meine Ohren ein und springen dann wie verrückt in meinem Kopf herum.

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In Sekundenschnelle muss ich die Mosaiksteinchen richtig ordnen und so zusammensetzen, dass sie einen Sinn ergeben. Im besten Fall frage ich nochmals nach, aber wenn ich das Bild immer noch nicht zusammensetzen kann, interpretiere ich meistens aus den Satzteilen, die ich einigermassen logisch zusammenfügen konnte. Ich habe unterdessen eine Sammlung an Ausweichmöglichkeiten, die mich aus solchen Gesprächssackgassen wieder hinausbugsieren können. Das ist ziemlich anstrengend. Vor allem, wenn sich schliesslich herausstellt, dass ich nicht mal diese paar Satzteile richtig kombiniert und interpretiert habe. Dann stehe ich da und habe keinen Plan, was mir gerade gesagt wurde.

Wer das nicht kennt, kann sich das fast nicht vorstellen und die meisten Leute gehen einfach davon aus, dass man halt nicht gut hört/zuhört. Das ist es aber nicht, man kann es sich auch so vorstellen, als würde jemand einen in einer fremden Sprache ansprechen.

Mich würde interessieren, ob es noch mehr Menschen gibt, die das kennen, ob das auch nicht vom Asperger-Autismus betroffene Personen so kennen. Und dann interessiert mich natürlich, wie andere solche Situationen meistern, wenn sie dasselbe erleben.

Was sich in einem Hörtest mal gezeigt hat, erlebe ich immer wieder: Wichtig ist nicht nur das Hören, sondern auch das Verstehen.

Wie schwer ist eigentlich Lärm?

Immer wieder – und das eigentlich sehr oft – kommt es vor, dass es mir zu laut wird. Dazu muss ich mich nicht in einem überfüllten Pub oder auf einem Markt befinden, es reicht schon ein Raum mit zwei oder drei Personen. Gut, seien wir ehrlich, manchmal kann auch eine Person schon zu laut sein. Aber das lasse ich jetzt einfach so stehen. Stellen Sie sich nun aber folgende Situation vor: Sie versuchen konzentriert zu arbeiten und hören dabei zwei andere Personen sprechen, eine weitere Person telefonieren, das Tippen auf einer Tastatur, den Autolärm durchs Fenster, das Spülen des Geschirrspülers und/oder der Kaffeemaschine, den Kollegen beim beherzten Biss in den saftigen Apfel, das ungebremste Schliessen einer Türe usw. Haben Sie die Situation vor Augen? Gut, und jetzt stellen Sie sich alles zusammen gleichzeitig und gleich laut vor. So erlebe ich solche Situationen. Ich habe keinen Filter für unnötige Geräusche. Erschwerend kommt dazu, dass ich eben alles gleich laut höre. Egal ob zwei Meter von mir entfernt jemand in einen Apfel beisst oder im gleichen Raum jemand telefoniert. Es ist beides direkt in meinem Kopf. Kommen dann weitere Geräusche hinzu, bedrängt mich der Lärm so stark, dass ich mitunter Platzangst kriege und es mir beinahe die Luft abschnürt. In solchen Situationen hilft mir nur, Distanz zum Lärm zu schaffen. Wenn ich mich nicht in einen ruhigen Raum zurückziehen kann, hilft nur der Gang zur Toilette. Dort ist es still.

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Bei einem Hörtest habe ich mal sehr schlecht abgeschnitten, weil ich nicht unterscheiden konnte, auf welcher Seite der Piepston wann zu piepsen begonnen hat. Ich konnte mich nämlich nicht auf den Piepston konzentrieren, weil mich das Rauschen meines Blutes irritiert hat. Ich musste einen weiteren, genaueren Hörtest machen lassen. Dafür bin ich in einem kleinen, schalldichten Raum gesessen (toll übrigens, sowas bräuchte man auch für Zuhause, mehr dazu aber in einem späteren Beitrag) und der Ohrenarzt hat von draussen mit einem Regler ein Ton in verschiedenen Tonlagen eingespielt. Bei diesem Test habe ich prima abgeschlossen. Danach wollte er testen, ab wann ich gesprochenen Text verstehe. Ich musste dann wiederholen, was er gesagt hatte. Und siehe da, auch hier habe ich problemlos bestanden. Fazit der Tests: Ich höre zwar gut, kann mich aber bei verschiedenen Geräuschen nicht auf ein bestimmtes Geräusch konzentrieren. Später, nach der mit Diagnose, gingen mir diesbezüglich Kronleuchter auf. Will ich in bestimmten Situationen mein Gegenüber verstehen, hilft nur noch Lippenlesen oder teilweise auch Interpretation (um nicht zu sagen erraten), wenn daneben z.B. jemand auch nur eine Frucht isst.

Wir können berechnen, mit welcher Kraft eine Kiste auf den Boden drückt. Aber können wir auch messen, wie schwer Lärm ist?