Musik in meinem Kopf

Fast ständig läuft Musik in meinem Kopf. Manchmal komme ich mir vor, wie eine wandelnde Jukebox, die unaufhaltsam ihre Lieder spielt. Erinnern mich Worte, die ich irgendwo aufnehme, an irgendwelche Lieder, beginnt die Jukebox zu spielen. Oft ist es so, dass die Musik erst aufhört zu spielen, wenn ich mir das Stück auch anhören konnte. Dringt die Musik dann von aussen an meine Ohren, lassen meine Gedanken das Lied los und geben es wieder frei, bis das nächste Musikstück gespielt wird.

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Manchmal reicht ein simples Wort oder ein Satzteil, und schon ergänzen meine Gedanken zu einem Liedertext aus meinem Gedächtnis. Es sind aber nicht nur Lieder, viele Male sind es auch einfach Melodien, die durch irgendeine Tonfolge ausgelöst wurden.

Die Melodien werden nicht nur durch Tonfolgen ausgelöst, manchmal sind es auch Umgebungsgeräusche, die mein Kopf zu einer Melodie bildet. Muss ich mehrmals eine knarrende Treppe rauf und runter, ergibt das eine eigene, ganz spezielle Tonfolge. Nehme ich einmal zwei Stufen auf einmal, fehlt der Ton der übersprungenen Stufe und mich stört, dass die Melodie dieses Mal anders geklungen hat. Für neurotypische Menschen ist das bestimmt nicht nachvollziehbar, dass jemand auch nur daran denken kann, eine knarrende Treppe immer auf dieselbe Weise rauf und runter zu gehen, nur damit es immer gleich klingt.

Wenn ich unterwegs bin, vor allem an Bahnhöfen oder auf sonstigen Plätzen mit Menschenmassen, habe ich meine Kopfhörer aufgesetzt und höre Musik. Noise-Cancelling ist ein Segen! Situationen, die vorher – ohne diese Kopfhörer – Stress bedeutet haben, sind mit diesen Kopfhörern nun viel einfacher zu bewältigen. Ich höre nur noch meine Musik und sonst praktisch gar nichts mehr. Kein lautes Gelächter, kein Geschrei, kein Verkehrslärm, einfach nur ich und meine Musik. Das ist insofern ein Segen, als dass ich einen Faktor dieser Reizüberflutung in der Situation eindämmen konnte. Wenn ich dann noch meine Sonnenbrille aufhabe, kann ich schon ziemlich abschalten. Meistens beginne ich dann im Takt zur Musik zu laufen, was immer wieder zu lustigen Situationen führt. Man denke dabei z.B. an «Money» von Pink Floyd und zwar an die Stelle, wo plötzlich von einem 7/4- zu einem 4/4-Takt gewechselt wird.

Musik ist also beinahe mein ständiger Begleiter, entweder in meinem Kopf oder in meinen Kopfhörern. Meistens gefällt mir das so und ist für mich ganz in Ordnung. Vielleicht mache ich mir mal die Mühe und schreibe mir die Musikstücke chronologisch, wie sie in meinen Gedanken gespielt wurden, auf und erstelle mir eine Playlist. Das wäre dann die Playlist zum Soundtrack meines Lebens.

Klingt doch eigentlich ganz gut?! («…. eigentlich könnten wir uns freuen, denn eigentlich geht es uns gut. Wir sind umgeben von Getreuen…» – jaja, Xavier Naidoo, reicht für heute, fertig jetzt. Punkt. Schluss. Aus.)

Wie schwer ist eigentlich Lärm?

Immer wieder – und das eigentlich sehr oft – kommt es vor, dass es mir zu laut wird. Dazu muss ich mich nicht in einem überfüllten Pub oder auf einem Markt befinden, es reicht schon ein Raum mit zwei oder drei Personen. Gut, seien wir ehrlich, manchmal kann auch eine Person schon zu laut sein. Aber das lasse ich jetzt einfach so stehen. Stellen Sie sich nun aber folgende Situation vor: Sie versuchen konzentriert zu arbeiten und hören dabei zwei andere Personen sprechen, eine weitere Person telefonieren, das Tippen auf einer Tastatur, den Autolärm durchs Fenster, das Spülen des Geschirrspülers und/oder der Kaffeemaschine, den Kollegen beim beherzten Biss in den saftigen Apfel, das ungebremste Schliessen einer Türe usw. Haben Sie die Situation vor Augen? Gut, und jetzt stellen Sie sich alles zusammen gleichzeitig und gleich laut vor. So erlebe ich solche Situationen. Ich habe keinen Filter für unnötige Geräusche. Erschwerend kommt dazu, dass ich eben alles gleich laut höre. Egal ob zwei Meter von mir entfernt jemand in einen Apfel beisst oder im gleichen Raum jemand telefoniert. Es ist beides direkt in meinem Kopf. Kommen dann weitere Geräusche hinzu, bedrängt mich der Lärm so stark, dass ich mitunter Platzangst kriege und es mir beinahe die Luft abschnürt. In solchen Situationen hilft mir nur, Distanz zum Lärm zu schaffen. Wenn ich mich nicht in einen ruhigen Raum zurückziehen kann, hilft nur der Gang zur Toilette. Dort ist es still.

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Bei einem Hörtest habe ich mal sehr schlecht abgeschnitten, weil ich nicht unterscheiden konnte, auf welcher Seite der Piepston wann zu piepsen begonnen hat. Ich konnte mich nämlich nicht auf den Piepston konzentrieren, weil mich das Rauschen meines Blutes irritiert hat. Ich musste einen weiteren, genaueren Hörtest machen lassen. Dafür bin ich in einem kleinen, schalldichten Raum gesessen (toll übrigens, sowas bräuchte man auch für Zuhause, mehr dazu aber in einem späteren Beitrag) und der Ohrenarzt hat von draussen mit einem Regler ein Ton in verschiedenen Tonlagen eingespielt. Bei diesem Test habe ich prima abgeschlossen. Danach wollte er testen, ab wann ich gesprochenen Text verstehe. Ich musste dann wiederholen, was er gesagt hatte. Und siehe da, auch hier habe ich problemlos bestanden. Fazit der Tests: Ich höre zwar gut, kann mich aber bei verschiedenen Geräuschen nicht auf ein bestimmtes Geräusch konzentrieren. Später, nach der mit Diagnose, gingen mir diesbezüglich Kronleuchter auf. Will ich in bestimmten Situationen mein Gegenüber verstehen, hilft nur noch Lippenlesen oder teilweise auch Interpretation (um nicht zu sagen erraten), wenn daneben z.B. jemand auch nur eine Frucht isst.

Wir können berechnen, mit welcher Kraft eine Kiste auf den Boden drückt. Aber können wir auch messen, wie schwer Lärm ist?